Roland Seim
Einer unter uns
Die Herausgabe von Festschriften im Allgemeinen und einer für einen so facettenreich arbeitenden, verdienten Hochschullehrer wie Horst Herrmann im Besonderen stellt eine Herausforderung dar: Wie können wir einem solchen Lebenswerk gerecht werden? Welche Kolleginnen und Kollegen sollten gebeten werden, etwas beizutragen? Und wer würde sich mit welchem Text wirklich beteiligen?
Normale Festschriften haben nicht selten eine mehrjährige Vorlaufzeit auf-zuweisen. Arbeitsgruppen werden gebildet, Vorschläge gesammelt und ge-sichtet; es wird redigiert und korrespondiert, kurz: ein langes Hin und Her, bis sich alle Beteiligten über ein in Form und Inhalt adäquates Resultat geeinigt haben. Darüber können Jahre vergehen. Und manchmal ist ein Buch von Professoren für Professoren das Ergebnis.
Normal im Sinne von "der Norm entsprechend" ist der Jubilar nun einmal nicht, weder hinsichtlich seines wissenschaftlichen curriculum vitae noch seiner Person als Hochschullehrer. Wer je die Eloquenz seiner legendären Vorlesungen erleben durfte, weiß, wovon ich rede. Sapienti sat! Mühelos füllten sich die größten Hörsäle des Münsteraner Schlosses oder des Institutes für Soziologie mit einer bunten Mischung aus Studierenden, aber auch Inter-essierten, die sonst kaum einen akademischen Vortrag besucht hätten. Non scholae, sed vitae discimus. Hier hat dies Zitat seine Berechtigung. Seien es Prinzessinnen, die für eine Soziologie der Märchen Frösche küßten, Liebe und Partnerschaft, Essen und Trinken, Ketzer in Deutschland oder Morde in der Literatur - mit sonorer Stimme, elegant geschliffenem Stil und unglaublich fesselnder Rhetorik bereicherte der Seiteneinsteiger sein Fachgebiet um ungeahnte Perspektiven. Ob Erstsemester oder Studium im Alter - nirgendwo sonst habe ich erlebt, wie ein Professor sein Auditorium so in Beschlag nahm. Das über Jahrzehnte hinweg.
Nichts da jedoch mit seichtem, beliebigem Geplauder! Strikt, streng, fast überkorrekt ging er zu Werk. Und doch galt ihm: Ridentem dicere verum! Mit Humor wollte er Wahres sagen, und wer ihn hörte, erfuhr Woche um Woche, wie nahe er diesem Ideal kam. Ertönte im Institut anhaltendes Lachen, wußten wir, daß dies nur eins bedeuten konnte: Herrmann hielt Vorlesung.
Seine wohlwollend kompetente Offenheit für die Sorgen der Studierenden hat ihm die Aura eines säkularen Beichtvaters eingebracht. Auch die Schar der Mühseligen und Beladenen fand in seinen an der Lebenswirklichkeit orientierten Veranstaltungen Trost und Erkenntnis. Eines seiner Lieblings-zitate porta patet, cor magis (die Tür steht offen, mein Herz noch viel mehr) hat Wirkung bewiesen. Dieses Motto schrieb er mir vor über zehn Jahren in einem Brief, als meine Dissertation ins Stocken geraten war. Dank gewisser Lateininsuffizienzen übersetzte ich mir den zweiten Teil autosuggestiv mit "mehr Mut". Was letztlich auch nicht falsch war. Wie ein erratischer Block im Massenbetrieb der Universität wirkte Horst Herrmann als archimedischer Punkt, von dem aus Generationen von Studierenden althergebrachte Gedan-kengebäude bewegten. Und gerne überraschte er uns mit Zitaten wie dem Seufzer des Alten Fritz: "Lieber Gott, wenn es dich gibt, sei meiner Seele gnädig, falls ich eine habe!"
Soviel war gewiß: Eine "normale" Festschrift würde meinem Doktorvater nicht gerecht werden. Also galt es, sowohl die Auswahl der Beitragenden als auch die thematischen Grenzen möglichst weit zu stecken. Nur der zeitliche (und aus Platzgründen der räumliche) Rahmen war äußerst knapp bemessen, was leider die Beteiligung einiger Beiträger unmöglich machte. Das Risiko war nicht gering, denn die Angeschriebenen mußten entschlußfreudig sein und mir hinsichtlich des Umgangs mit ihren Texten einen Vertrauensvorschuß gewähren, obschon bereits zwei Bücher von Horst Herrmann in meinem Verlag erschienen waren. Nicht nur Vertreter aus dem Bereich von Religi-onskritik und Soziologie sollten die Weite des Herrmannschen Spektrums widerspiegeln, auch Juristen und Mediziner sowie weitere Wegbegleiter aus unterschiedlichen Zusammenhängen wurden angesprochen.
Doch welchen - nach Möglichkeit sprechenden - Titel kann eine Hommage tragen? "Herr, verleihe mir Ausdruck!" (H. H.) Auf jeden Fall sollte es eine echte Herrmann-Sentenz sein: Eingängig, aber durchaus streitbar und nicht zu bequem. Als ich einigen Kollegen diverse in Frage kommende Beispiele vor-legte, erfüllte die Reaktion auf das letztlich gewählte alle Anforderungen. Fast alle fanden es passend, nur jemand meinte, es könne "provokant und irgend-wie uncool" wirken. Gut, wenn schon ein einziges Originalzitat so unter-schiedliche Interpretationen und Konnotationen hervorruft, dann soll es das wohl sein.
Wie hoch die Latte liegt, seinem Wirken gerecht zu werden, mögen Zahlen belegen, die auf den ersten Blick befremdlich bis bedrückend wirken: Allein in 2005 hat Horst Herrmann an die 1.300 Buchseiten veröffentlicht. Die Themen der Monographien reichen von Nero bis zu den beiden Päpsten dieses Jahres.
1.300 Seiten in einem Jahr. Wer den universitären Betrieb kennt, weiß, das ist nicht wenig. Die meisten Menschen dürften deutlich weniger lesen, als dieser Autor schreibt. Und doch könnte ich unschwer weiteres aus seinem Leben berichten: Horst Herrmann, der "zu den wichtigsten zeitgenössischen Vertretern der Aufklärung in Deutschland" zählt (Michael Schmidt-Salomon), hat über 50 Bücher und Taschenbücher, in Übersetzungen von Polen und Spanien bis Südkorea und Rußland, hunderte von Beiträgen in allen möglichen Zeitschriften, gut 200 Beteiligungen in Funk und Fernsehen hinter sich gebracht, ungezählte Vorträge gehalten, deren Themen typischerweise weit ausholten und von Cicero (vor Altphilologen, auf Latein) über Glanz und Glamour der Lady Di bis zur Paraskevidekatriaphobie (auf einem Gynäko-logensymposion) reichten.
Dennoch hat er seine Lehrtätigkeit nicht vernachlässigt. Er hat beispiels-weise fast 5.000 Prüfungen abgenommen. Und allein an einem einzigen Tag des laufenden Sommersemesters haben 1.200 Studierende Veranstaltungen von ihm besucht. Er erledigt alles, was auf ihn zukommt, ohne Hilfe - und weithin auch ohne Klagen. Niemals in 35 Jahren hat er eine Zulassungs-beschränkung beansprucht. Praktisch alles macht er allein. Als eine der wenigen Ausnahmen hatte ich im Juni das Vergnügen, mit ihm ein Block-seminar zum Thema Zensur zu veranstalten.
Er tut seine Arbeit nicht aus Pflichtbewußtsein, jedenfalls betont er das nicht. Ich nehme an, er hat bis zur Abschiedsvorlesung Spaß an seinem Beruf gehabt. Der medien- und kanzelerfahrene Redner genoß das Katheder durch-aus auch als Bühne. Und wer möchte ihm abnehmen, daß er mit dem Tag seiner Emeritierung aufhört, fast abrupt sogar? Ohne ihn wird das Institut für Soziologie ein anderes sein.
Fast möchten wir wie bei einem professoralen Popstar nach einer Zugabe rufen. Am 1. August feiert er seinen 65. Geburtstag. Ob der Emeritus noch Vorlesungen hält, ist seine Entscheidung. Vielleicht hat er genug, was man ihm nicht verdenken könnte, wenn wir einige wichtige Abschnitte seines bewegten und erfüllten Lebens Revue passieren lassen: Mit 29 Jahren habili-tiert und mit 30 auf den Lehrstuhl eines Pflichtfachs berufen, war er Deutsch-lands jüngster Theologieprofessor, in dieser Geschwindigkeit von keinem anderen vorher oder nachher erreicht.
Alles ging seinen Gang. Und doch: Horst Herrmann tat bewußt etwas dagegen, daß andere ihm seinen Gang vorschrieben. Nach Rom, ins Zentrum klerikaler Karrieren, geschickt, früh schon mit den richtigen Leuten zusammengebracht, hinter vorgehaltener Hand in Rom, in Bonn, in Münster als "der Künftige" gehandelt. Das gefiel ihm nicht; wer mehr über die wichtigen Leute erfahren möchte, schaue in Herrmanns autobiographisches Buch "Was ich denke" (1994). Er hat jedenfalls abgelehnt - und spottet heute, diejenigen, die dies nicht taten, fristeten unterdessen ein Leben als Kardinal.
Horst Herrmann hat gewiß Freunde und gute Bekannte. Er hat unter anderem eine Taschenbuchreihe herausgegeben, für die er beispielsweise Karlheinz Deschner, Alfred Grosser, Eugen Drewermann, Friedbert Pflüger, Friedrich Schorlemmer, Georg Kronawitter, Herbert Achternbusch und Regine Hildebrandt gewinnen konnte. Doch er hat keine connections genutzt und selbst in den schwierigen Jahren, als er, ohne Hilfe von seiten der Universität, der er seit 1970 ununterbrochen angehört, Prozesse zu führen hatte, sich nicht auf solche gestützt: "Zur Autorität, auch zu meiner eigenen, habe ich kein Vertrauen. Ich kann dies schlichtweg nicht aufbringen", meinte er einmal.
Kein Wunder, daß seine Leidenschaft für den aufrechten Gang früh Aner-kennung fand: Nicht ohne Grund wurde ihm bereits 1975 die kirchliche Lehr-erlaubnis entzogen - der erste Fall dieser Art in der Geschichte der Bundes-republik Deutschland.
Die Bischöfe, der Vatikan haben ihm damals etliche goldene Brücken gebaut, er hat, "hochgradig verführungsresistent" (Hermann Josef Schmidt), keine einzige betreten - und kein Wort jemals zurückgenommen, keine Ab-machung über gratifiziertes Stillschweigen akzeptiert, kein Karriere-versprechen in Betracht gezogen. Andere bewiesen weit mehr Fähigkeit zur Unterwerfung.
Horst Herrmanns Haltung mag unüblich sein, ja "hin und wieder - im bibli-schen Sinne - einfältig" wirken (Hans-Jürgen Krysmanski). Doch so ist er nun einmal. Im Institut für Soziologie, dem er nun fast ein Vierteljahrhundert angehört, ohne je Soziologie studiert zu haben, tut er seine Pflicht. Wir glauben ihn zu kennen, doch nur wenige wissen, was ich hier preisgegeben habe. Sehen wir ihn, meist bedächtig, mit würdevollem Schritt, wollen wir kaum glauben, daß uns ein fortschrittlich, ja rebellisch denkender Mensch begegnet. Nun ja, er hat einmal gesagt, Revolutionäre trügen heutzutage eben Bäuche und Krawatten ...
Ehrendoktorate, Literaturpreise, Verdienstkreuze sind seine Sache nicht. Die einzige Ehre, der er sich nicht verweigert hat, war die von Heinrich Böll angeregte Aufnahme in den P.E.N. Unter Schriftstellern fühlt er sich zu Hause, seinen Büchern zuliebe hat er den Versuchungen zur Karriere wider-standen, unter Pseudonym hat er Romane publiziert, selbst Gedichte gibt es von ihm.
Doch wenn er nicht will, rührt er keinen Finger. Dabei haben nur wenige ähnliche Spannen abgeschritten, so viele alltagsinteressante, nicht beliebige (!) Themen behandelt wie dieser "kreative ... Wider-standskämpfer" (Hermann Josef Schmidt). Horst Herrmann, Anreger schlechthin, hat den Blick auf spezielle Forschungsgebiete eröffnet, nicht nur in der Theologie der 70er Jah-re, als ihn Fachkollegen an ihre Unis einluden, um "zu lernen, wie man ein Fach voranbringt", nicht nur in seinen religionskritischen Forschungsarbeiten, die "von allergrößter Wichtigkeit" sind (Bernulf Kanitscheider), sondern auch in der Soziologie, wo Paternologie (Patriarchatsforschung), Synontologie (Lehre von der Partnerschaft), Trochologie (Forschung über Foltermentalitäten und -methoden) auf ihn zurückweisen, von dem von ihm geprägten Infantismus nicht zu reden.
Horst Herrmann, der "in der illustren Kontinuitätslinie der großen Aufklärer der letzten vier Jahrhunderte" steht (Hubertus Mynarek), trägt einen der prominentesten Namen in der Kirchenkritik der Zeit. Er hat nicht nur in Bestsellern originäre Denkanstöße geliefert, zigtausenden von Lesern die Augen geöffnet und in den weltweit ausschließlich von ihm bearbeiteten kirchenrechtlichen Themen bleibende Akzente gesetzt. Er ist auch der einzige kirchenkritische Autor der Gegenwart, dessen Schaffen seit Jahrzehnten Druck und Einfluß auf die Kirchenpolitik mehrerer europäischer Länder ausübt. So geht die Neubegründung der Kirchenfinanzierungssysteme in Italien, Spanien, Ungarn auf ihn zurück. Und es gibt Pläne in der Schweiz wie in Österreich, das sogenannte Herrmann-Modell einer "Mandatssteuer" ebenfalls zu übernehmen.
Es wäre unter diesen Umständen nicht schwierig gewesen, für das eine oder das andere Projekt Sponsoren zu finden. Doch Drittmittel zugunsten des Renommees eines Lehrstuhls einwerben mag Horst Herrmann nicht. Dafür schätzt er unter anderem die - mittlerweile von Amts wegen bedrohte - Ein-richtung des "Studiums im Alter". Von Anfang an hat er freudig seine Veranstaltungen für Seniorinnen und Senioren "geöffnet" (ein Ausdruck, den er, zum "Hochschullehrer für alle" berufen, zutiefst verachtet), die von nah und fern herbeipilgerten und stets willkommen geheißen wurden. Zusammen mit uns jüngeren Studierenden versammelte sich die große Schar der "Herrmannianer" Semester um Semester. Und bei mir wurden es eine ganze Menge ...
Horst Herrmann hat auch, nicht ganz nebenbei, die Frauenforschung in Münster eingeführt. Als er 1981 den Fachbereich wechselte, wollte er sogar, mit höchstem Lob des Düsseldorfer Fachministers, dafür ein eigenes Institut einrichten lassen. Feministinnen verschiedener Couleur haben ihm sein in Wort und Schrift unbeirrbar bewiesenes Engagement hoch angerechnet. Er hat auch hier keinen Schritt zurück getan, auch wenn nicht alle "Berufs-frauen" akzeptieren wollten, daß es ein Mann war, der hier vor über zwei Jahrzehnten wegweisend tätig geworden ist.
Genug der laudationes. Nur die wichtigste noch: Horst Herrmann ist "einer unter uns" geblieben, einer, der mehr getan hat, als er uns merken lassen will. Diese Festschrift, für deren Beiträge ich den Verfasserinnen und Verfassern danke, soll eine Gegengabe sein. Mögen Leserinnen und Leser entscheiden, ob es gelang, dem Anspruch gerecht zu werden.
Münster, den 21. Juli 2005 Dr. Roland Seim M.A.