Dr. Michael
Schmidt-Salomon, Trier
"Lieber einen Knick in der Biographie als im
Rückgrat…"
Laudatio auf
Horst Herrmann anlässlich der Verleihung des Robert-Mächler-Preises
2005
Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Horst
Herrmann!
Es ist mir eine große
Ehre und auch Freude, heute die Laudatio auf Horst Herrmann anlässlich
der Verleihung des Robert-Mächler-Preises halten zu dürfen. Die
Mächler-Stiftung vergibt diesen Preis für besondere Leistungen auf dem
Gebiet der "kritischen Aufklärung" - und sie hätte hierfür kaum einen
besseren Kandidaten finden können. Wie nur wenige Zeitgenossen ist Horst
Herrmann der unbequemen Aufforderung Kants nachgekommen, den Mut
aufzubringen, "sich des eigenen Verstandes zu bedienen". Dies verlangt
einiges an Ich-Stärke, denn konsequente Aufklärer zählen nicht unbedingt
zu den besonders beliebten Mitgliedern unserer Spezies (wenn überhaupt
werden sie erst posthum dazu erklärt).
Horst Herrmann hat
die Kosten, die mit einem konsequent aufklärerischen Denken und Handeln
einhergehen können, nie gescheut. "Lieber einen Knick in der Biographie
als im Rückgrat!", so in etwa könnte man sein Lebensmotto umschreiben.
Der entscheidende Knick in Herrmanns Biographie fand 1975 statt, als ihm
- der erste Fall dieser Art in der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland! - die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde. Mit einer
solch dramatischen Wendung seines Lebensweges hätte Jahre zuvor wohl
niemand gerechnet. Alles nämlich schien darauf hinzudeuten, dass diesem
Mann eine steile Karriere innerhalb der katholischen Kirche bevorstand.
Der junge Priester hatte schnell Zugang zu den wichtigsten römischen
Kreisen gefunden und mit knapp 30 Jahren war er bereits Professor für
"Katholisches Kirchenrecht" an der renommierten Theologischen Fakultät
zu Münster. Ein Mann, prädestiniert für höhere Aufgaben, ein Erzbischof,
ja ein Kardinal in spe, so wurde gemunkelt.
Doch es kam ganz
anders. Schon nach kurzer Lehrtätigkeit häuften sich die Beschwerden
beim zuständigen Münsteraner Bischof. Man hatte sich offenkundig in der
Person Horst Herrmann getäuscht. Der junge Professor war nicht bereit,
sich von Amts wegen gängeln zu lassen, er ging seinen eigenen Weg,
sprach Klartext, nannte Unrecht, was Unrecht war. Konflikte waren
vorprogrammiert. 1972 wurde seinem Buch über das Eherecht die kirchliche
Druckerlaubnis verweigert, 1973 erfolgte die erste bischöfliche
Vorladung, bei der ihm der Entzug der Lehrerlaubnis angedroht wurde.
Doch Horst Herrmann konnte und wollte nicht zurückrudern, er bestand
darauf, seinem Wissen und Gewissen zu folgen, ließ sich nicht dazu
verführen, Unsinn als Sinn zu verkaufen und Verbrechen als Heldentat.
Und so kam es 1975, ausgerechnet zu einer Zeit, da Herrmann als Dekan
der Fakultät fungierte, zum endgültigen Eklat: Mit Rückendeckung der
Deutschen Bischofskonferenz erklärte der Bischof von Münster, Heinrich
Tenhumberg, Horst Herrmann zum - wörtliches Zitat! - "gefährlichsten
Theologen Deutschlands". Einem solchen Manne dürfe man es nicht
gestatten, auch nur eine Stunde länger die studierende Jugend zu
gefährden.
Es hagelte massive
Proteste, Plakate, Demos, politische Stellungnahmen. Intellektuelle wie
Böll, Jens, Jungk, Wallraff und Walser bekundeten ihre Solidarität
gegenüber Herrmann. Der Münsteraner Bischof, unerfahren in solchen
Dingen und von den Kollegen der Bischofskonferenz dazu bedrängt, ein
Exempel zu statuieren, verlangte, dieser amtlich beglaubigte Häretiker
müsse die Katholische Fakultät innerhalb von zwei Wochen verlassen. Doch
er hatte seine Rechnung ohne den Wirt gemacht. In dieser Situation
zahlte sich aus, dass Horst Herrmann just auf dem Gebiet des
Kirchenrechts ein ausgewiesener Experte war. Er wusste, dass es
rechtlich nicht möglich ist, einen Hochschullehrer gegen seinen Willen
in eine andere Fakultät umzusetzen. Und so blieb Horst Herrmann weitere
sechs Jahre auf dem theologischen Lehrstuhl, so sehr es die
Kirchenoberen auch fuchste. Erst 1981, zu einem Zeitpunkt als er nicht
nur den Glauben an die Institution Kirche, sondern auch den Glauben an
das Christentum überwunden hatte, zog Herrmann den Schlussstrich und
wechselte in den Fachbereich Soziologie, wo er von nun an ebenfalls neue
Impulse setzen sollte.
Es ist bemerkenswert, dass das Buch, das den
finalen Bruch mit der Kirche 1975 provozierte, keineswegs Dogmen des
Glaubens berührte, sondern Fragen der finanziellen und rechtlichen
Privilegierung der Kirche in Deutschland. Offensichtlich ein harter
Schlag unter die Gürtellinie, schließlich tragen die meisten eben dort
ihre Geldbörse: Mit dem 1974 erschienenen Werk "Ein unmoralisches
Verhältnis. Bemerkungen eines Betroffenen zur Lage von Staat und Kirche
in Deutschland" traf Horst Herrmann die Kirche an ihrer vielleicht
empfindlichsten Stelle. Obgleich der Autor das Buch schon wenige Jahre
später als "überholt" betrachtete, war es doch ein wichtiger Meilenstein
in der religionskritischen Debatte. Erstmals hatte ein ausgewiesener
Insider die aktuellen, höchst diesseitigen und ethisch fragwürdigen
Interessen der Kirchen offen gelegt. Gegen diesen Angriff, der fern
aller Glaubensfragen auf das Diesseits zielte, konnte sich die
"Alleinseligmachende" durch keinen Verweis aufs Jenseits mehr retten.
Eine offene Flanke.
Und Horst Herrmann wäre nicht Horst Herrmann,
hätte er nicht weiter in dieser offenen Wunde gebohrt. Es folgten
weitere Bücher, die die Kirchen immer wieder mit hochnotpeinlichen
Anfragen konfrontierten: "Die sieben Todsünden der Kirche", "Die Kirche
und unser Geld", "Die Caritas-Legende. Wie die Kirchen die Nächstenliebe
vermarkten"; oder zuletzt: "Kirche, Klerus, Kapital". Über viele Jahre
hinweg war Herrmann nahezu der einzige Experte auf diesem Gebiet. Erst
2002, fast 30 Jahre nach dem "Unmoralischem Verhältnis", fand sich mit
Carsten Frerk ein Autor, der sich anschickte, dieses von Horst Herrmann
bestens vorbereitete Feld mit ähnlichem Engagement zu beackern.
So
prominent Horst Herrmann nun auch in seiner Funktion als Kirchenkritiker
ist (neben den erwähnten Werken brachte er den gemeinsam mit Karlheinz
Deschner verfassten "Anti-Katechismus", die Bücher "Papst Wojtyla. Der
heilige Narr". "Kirchenfürsten. Zwischen Hirtenwort und
Schäferstündchen", "Passion der Grausamkeit" und viele andere mehr
heraus). wäre es doch grundverkehrt, ihn allein auf diese Rolle
festzulegen. Sein Leben und Werk hat viel mehr zu bieten. Nur wenige
wissen beispielsweise, dass Horst Herrmann einer der ersten Männer in
Deutschland war, die sich entschieden für Geschlechterforschung
einsetzten. Auch hier gab er neue Impulse: Indem er der feministischen
Untersuchung des Patriarchats die sog. "Paternologie" (also die
Vaterforschung) zur Seite stellte, verdeutlichte er, dass es in unserer
Kultur keineswegs bloß um die Herrschaft der Männer, sondern vielmehr um
die Herrschaft der Väter ging und geht, eine Form von Gewalt, die sich
gerne als "Liebe" tarnt und von Herrmann mit dem Begriff der
"Patronomie" belegt wurde.
Diese Patronomie,
die direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt der Väter, richtet sich
nicht nur gegen Frauen, sondern vor allem auch gegen Kinder. Deshalb
schlug Horst Herrmann vor, an die Seite des Feminismus den sog.
"Infantismus" zu stellen, eine Perspektive, die besonderes Gewicht auf
die Interessen der Kinder legt. Insbesondere in seinem Buch "Vaterliebe"
machte er klar, dass das immer wieder gern benutzte pädagogische
Verteidigungsargument "Ich will ja nur dein Bestes" nicht ohne Grund
doppeldeutig ist, es offenbart, worum es in der patronomen Erziehung in
letzter Instanz geht: um autoritäre, ethisch unzulässige, häufig
psychisch krankmachende Eingriffe in die Selbstbestimmungsrechte
nachkommender Generationen. Die von Erich Fromm beschriebene "Pathologie
der Normalität" hat hier eine ihrer Wurzeln.
Dass Horst
Herrmann eine solche Sensibilität für die Gefahren der Vaterliebe
entwickelte, ist sicherlich nicht zuletzt auf seine Erfahrungen mit der
christlichen Vaterreligion zurückzuführen. Als vaterlos aufgewachsenes
Kind hatte er sein Heil mit großem Eifer in einer Religion gesucht, die
vorgab, im "Namen des Vaters und des Sohnes", Liebe in der Welt zu
verströmen. Doch diese Heilserwartung wurde bitter enttäuscht. Lange
schon vor dem Eklat von 1975 war bei Horst Herrmann das Reservoir an
Naivität aufgebraucht, das so dringend notwendig ist, um das
offensichtliche Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit der
christlichen Religion zu übersehen. Im besten Sinne ent-täuscht wurde
ihm klar, dass man sein Leben weder im Namen eines irdischen noch eines
überirdischen Vaters führen könne, dass man vielmehr selbstbestimmt
durch das Leben navigieren müsse, sofern man auch nur einen Hauch von
Freiheitswillen und persönlicher Integrität in sich trägt.
Gewiss fiel ihm
der Loslösungsprozess von der Vaterreligion nicht leicht, doch Horst
Herrmann gelang er wie wenigen anderen. Wenn er heute noch Bezug nimmt
auf seine einst so christlich geprägte Biographie, so hat dies vor allem
spielerischen Charakter. Nicht ohne Hintersinn veröffentlichte er seine
amüsanten Kriminalromane "Der Papst, die Prophezeiung und das Nest der
Waschbären" und "Im Vatikan ist die Hölle los" unter dem Pseudonym Peter
Simon, eine leicht zu entziffernde Umdrehung des Namens des vermeintlich
ersten Papstes: Simon Petrus. Auch seine Emailadresse enthält ein
christliches Fragment, "cardi" (für Kardinal), Überbleibsel eines einst
frommen Berufswunsches und Spitzname aus frühen Kindertagen.
Abgesehen von
solchen spielerischen Bezügen hat Horst Herrmann die Fesseln der
Vergangenheit weit hinter sich gelassen. Er hat sich die Freiheit
genommen, Dogmen abzulegen wie zu eng gewordene Kleider, wurde zu einem
Freigeist, wie er im Buche steht - und glücklicherweise nicht nur dort.
Eine Theorie-Praxis-Diskrepanz ist bei Horst Herrmann nicht auszumachen.
Öffentlich Wasser zu predigen und heimlich Wein zu saufen, das ist seine
Sache nicht. Typisch für ihn, dass er das Prinzip der Hierarchie, jener
"heiligen Führung", die so gerne auch im säkularen Gewand auftaucht,
nicht nur theoretisch kritisierte, sondern auch in der eigenen
Lebenspraxis zu überwinden versuchte. Er lehnte es ab, als Professor
erhaben über "seinen" Mitarbeitern und Studierenden zu thronen, sah sich
vielmehr als Gleicher unter Gleichen, als Suchender unter Suchenden, war
"einer unter uns", wie es sein langjähriger Mitarbeiter Roland Seim
unlängst in der Festschrift anlässlich von Herrmanns Emeritierung
formulierte.
2001 wurde
Herrmanns Soziologie der Partnerschaft "Liebesbeziehungen -
Lebensentwürfe" publiziert, ein leider viel zu wenig beachtetes,
glänzend geschriebenes Standardwerk, das jenseits aller ideologischen
Scheuklappen über die Veränderungen in den Partnerschaftsverhältnissen
von der Frühzeit bis in unsere Gegenwart hinein informiert. Gerade auf
diesem, von vielen noch immer tabuisierten Gebiet von Liebe und
Sexualität scheiden sich ja gewöhnlich die Geister, bleiben bei vielen
scheinbar säkularen Köpfen doch letzte Rudimente jenes christlichen
Moralkorsetts wirksam, das dem freien Leben und Lieben noch heute die
Luft abschnürt. In der Tat: Viele, die entschieden dagegen ankämpfen,
"die Kirche im Dorf zu lassen", tragen die "Kirche im Kopf" noch immer
mit sich herum. Davon ist bei Horst Herrmann, der sein Milieu meisterte,
statt sich von ihm schulmeistern zu lassen, wenig zu spüren. Eine
Seltenheit auch im nichttheologischen, akademischen Milieu, wie u.a. das
Beispiel des Münsteraner Universitätsrektors zeigt, der in den Achtziger
Jahren die von Horst Herrmann geplante Veranstaltungsreihe "Schwulen-
und Lesbenprojekte in der BRD" nicht im Vorlesungsverzeichnis ausweisen
wollte.
Selbstverständlich
waren es nicht nur Hochschulrektoren, die irritiert auf Herrmanns
Tabuverletzungen reagierten. Vieles von dem, was Horst Herrmann vor
Jahren schon publizierte, dürfte dem Durchschnittsbürger noch heute als
höchst anstößig erscheinen. Aber nur, wer sich nicht scheut, anstößig zu
sein, vermag Anstöße zu geben. Es ist Horst Herrmanns großes Verdienst,
auf so vielen, so unterschiedlichen Gebieten wichtige Denkanstöße
vermittelt zu haben. Seine Veröffentlichungsliste umfasst rund 50
Bücher, Hunderte von Artikeln und Beiträgen in den Medien, ein
Themenspektrum, das seinesgleichen sucht. Er sprach, schrieb, forschte,
lehrte über Reliquien und Foltermethoden, Tischreden und Märchen,
literarische Morde und Tierrechte, über Münzer, Luther, Lady Di und
Cicero, über Männerängste und Zensur, über Lust und Leid des Essens, des
Alterns, der Liebe… Kaum ein Thema, das ihm zu exotisch war.
Journalisten und Seminarveranstalter nahmen dies dankbar zur Kenntnis
und folgten immer wieder gern der Maxime: "Wenn man zu einem Thema gar
keinen Referenten finden kann, frage man am besten gleich bei Horst
Herrmann an…"
Sicherlich: Wer
eine solche Breite an Themen vorlegt, der schürt das Vorurteil, dass es
ihm möglicherweise an Tiefe mangele. Und wer zudem noch in der Lage ist,
so schnell zu formulieren, wie das Horst Herrmann nun einmal kann, bei
dem gebärdet sich solches Vorurteil gerne als veritables Urteil. Ich
kann mir vorstellen, dass so mancher Schriftstellerkollege schon allein
aus Selbstschutzgründen heraus dazu neigt, einen Autor abzuwerten, der,
wie in diesem Jahr geschehen, in der Lage ist, innerhalb einer einzigen
Woche zwei literarische Schnellschüsse abzufeuern, die auch noch wie
Bomben auf dem Buchmarkt einschlagen. Klar ist: Mit den beiden Mitte
April erschienenen Büchern zum damals verstorbenen Papst Johannes Paul
II. sowie zum frisch gewählten Papst Benedikt XVI. hat sich Horst
Herrmann den Ruf eines "Billy the Kid" der literarischen Szene
nachhaltig gesichert. Niemand zielt schneller, treffsicherer als er.
Insbesondere das Buch über Ratzinger, das in drei Tagen geschrieben, am
vierten Tag redigiert wurde und schon am fünften Tag in den Druck ging,
dürfte einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt haben. Da muss man
sich nicht wundern, wenn neidvoll geraunzt wird, dass ein solcher
literarischer Revolverheld schwerlich Werke abliefern kann, die
dauerhaft von Bestand sind.
Und doch hat Horst
Herrmann eben solche Werke geschaffen, wenn auch das Benedikt-Buch, das
weiß der Autor selbst am besten, mit Sicherheit nicht dazu gehört. Wer
die Gelegenheit hatte, Autor und Werk auch nur ein wenig näher kennen zu
lernen, der weiß, was er von der überheblich-neidvollen Kollegenschelte
zu halten hat: Sie ist der Rede nicht wert. Nein, Horst Herrmann ist
ganz gewiss kein Leichtgewicht - weder in persona (wenn ich das einmal
so doppeldeutig formulieren darf) noch auf dem Papier.
Herrmann verfasste
eben nicht nur das leichtfüßige, heiter-vergnügliche "Lexikon der
kuriosesten Reliquien" (vom Atem Jesu bis zum Zahn Mohammeds), sondern
auch schwere Kost wie "Die Folter - eine Enzyklopädie des Grauens", ein
Buch, dass man allzu idealistischen Friede-Freude-Eierkuchen-Humanisten
eigentlich als Pflichtlektüre auferlegen müsste. Und was die drei
Biographien betrifft, die Horst Herrmann allein in diesem Jahr
veröffentlichte, so ist die mit Abstand bedeutendste gewiss nicht jene
über Josef Ratzinger, auch nicht die über Karol Wojtyla. Das wichtigste
Herrmann-Buch des Jahres 2005 ist eindeutig seine Biographie des
römischen Kaisers Nero, von dem uns die christlich geprägte
Geschichtsschreibung bekanntlich nur ein arges Zerrbild übermittelte.
Dieses Buch, das zum Besten gehört, was Herrmann je geschrieben hat,
überzeugt nicht nur durch gründliche Recherche, sondern auch durch einen
wunderbar lebendigen Erzählfluss. Ein großartiges Beispiel für jene viel
zu selten anzutreffende Form von Wissenschaft, die tatsächlich Wissen
schafft - und nicht bloß Müdigkeit. Schon die imposante
Luther-Biographie aus den Achtziger-Jahren hatte gezeigt, dass Horst
Herrmann ein ungewöhnliches Talent besitzt, die verschlungenen, von
vielen Zufällen bestimmten Lebenswege historischer Personen zu erhellen.
Die Nero-Biographie zeichnet sich gegenüber dem Luther-Buch zusätzlich
noch dadurch aus, dass in dieses Werk nicht nur die Erkenntnisse des
Religionssoziologen, sondern auch die des arrivierten Vater-, Kindheits-
und Beziehungsforschers Horst Herrmann eingeflossen sind. Hier findet
man gewissermaßen "den ganzen Herrmann" komprimiert in einem
Band.
Meine Damen und
Herren, zu Leben und Werk Horst Herrmanns wäre so vieles mehr noch zu
sagen. Allein: mir fehlt hier und heute die Zeit dazu. Ich muss zum
Schluss kommen: Ebenso wie der Goldmann-Verlag dereinst für seine Reihe "Quer/Denken!" in Horst Herrmann exakt den passenden Herausgeber fand,
so hat auch die Mächler-Stiftung in ihm einen mehr als würdigen
Preisträger gefunden. Seit vielen Jahren schon zählt Horst Herrmann zu
den wichtigsten zeitgenössischen Vertretern der Aufklärung. Hochgradig
verführungsresistent hielt er fest am Prinzip des aufrechten Gangs, ließ
sich nicht dazu bewegen, zu Kreuze zu kriechen, so schmackhaft man ihm
dies auch immer machen wollte.
Der Knick in
seiner Biographie mag anfänglich geschmerzt haben, aber es war ein Knick
in die richtige Richtung. In Richtung Freiheit, Toleranz,
intellektueller Redlichkeit. Den Preis für kritische Aufklärung hat sich
Horst Herrmann verdient wie kaum ein anderer. Robert Mächler, da bin ich
sicher, hätte dies ebenso gesehen…
Ich danke Ihnen für Ihre
Aufmerksamkeit.