Horst Herrmann - Infantismus
   

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Inmitten der patriarchalen (väterbestimmten und -zentrierten) Gesellschaft (Patriarchat) ist Infantismus (von lat. infans = Kind) ein nicht weniger wichtiges Kampfmittel als der Feminismus (femina = Frau). Doch während von Feminismen aller Art mittlerweile auch öffentlich die Rede ist, kann Ähnliches vom Infantismus - und von Kinderrechtsbewegungen (Kinderparlamente, Kinderwerte, Kinderwahlrecht) - nicht einmal annäherungsweise gesagt werden. Auch das ist ein Symptom für die wahre Lage des Kindes.

Spricht die gelenkte Deutung, die wir verinnerlichten, vom in-fans (Kind), so besagt das so prägnant, daß weitere Diskussionen ausgeschlossen zu sein scheinen: Das Kind ist ein Wesen, das nicht sprechen kann und soll - und das andere, "erwachsene" Menschen benötigt, um sich gesellschaftsdienlich ausdrücken zu können. Auf dieser Sprech-Verweigerung, die Kindern fast durchgehend ein eigenständiges Leben versagt, beruht jener Anpassungs-Prozeß, der gemeinhin Erziehung genannt wird und auf die Zurichtung eines Lebewesens ausgerichtet ist. Er macht uns zu Menschen, die wortreich kinderfreundlich sind - und real kinderfeindlich.

Frauen beschränken sich häufig auf ihren (feministischen) Kampf gegen die Männer - und klammern die zweite Unterklasse des Patriarchats, die Kinder, aus ihren Überlegungen und Handlungen aus. Waren sie etwa keine Kinder? Haben sie keine Kinder? Sie wissen doch um die alltägliche Verbiegung der Körper, Geister, Seelen der Mädchen. Und sie fragen zurecht, was aus solchen werden solle. Selbstbewußte, wehrhafte Frauen bestimmt nicht, denn die passen nicht ins System. Aber die meisten fragen noch immer nicht konsequent genug. Was man(n) als Menschenrecht feiert, braucht noch lange kein Frauenrecht zu sein. Aber auch noch kein Kinderrecht.

Leben Kinder, frei geborene Wesen, die niemandem zu dienen, niemanden zu befriedigen haben, nicht in der Erwachsenenwelt statt in ihrer eigenen? Wie viele von ihnen werden, nach Art von Haustieren, herabgewürdigt, dem Leben der Eltern Sinn zu geben, elterliche Bedürfnisse (seelisch, körperlich) zu befriedigen, den Eltern Selbstwert und Bestätigung zu vermitteln? Was unter uns Kind heißt, ist bereits bis ins Detail den Erwartungen angeglichen, die andere Menschen von ihm haben. Infantismus stellt sich die Aufgabe, diese Zustände und Entwicklungen aufzuarbeiten, darzustellen und ihnen, auch durch Öffentlichkeitsarbeit, zu begegnen.

 

 
   

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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 02.04.06 - Änderungen vorbehalten

 

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