Inmitten der patriarchalen (väterbestimmten und -zentrierten)
Gesellschaft (Patriarchat) ist Infantismus (von lat. infans = Kind) ein
nicht weniger wichtiges Kampfmittel als der Feminismus (femina = Frau).
Doch während von Feminismen aller Art mittlerweile auch öffentlich die
Rede ist, kann Ähnliches vom Infantismus - und von
Kinderrechtsbewegungen (Kinderparlamente, Kinderwerte, Kinderwahlrecht)
- nicht einmal annäherungsweise gesagt werden.
Auch das ist ein Symptom für die wahre Lage des Kindes.
Spricht
die gelenkte Deutung, die wir verinnerlichten, vom in-fans (Kind), so
besagt das so prägnant, daß weitere Diskussionen ausgeschlossen zu sein
scheinen: Das Kind ist ein Wesen, das nicht sprechen kann und soll -
und das andere, "erwachsene" Menschen benötigt, um sich
gesellschaftsdienlich ausdrücken zu können. Auf dieser
Sprech-Verweigerung, die Kindern fast durchgehend ein eigenständiges
Leben versagt, beruht jener Anpassungs-Prozeß, der gemeinhin Erziehung
genannt wird und auf die Zurichtung eines Lebewesens ausgerichtet ist.
Er macht uns zu Menschen, die wortreich kinderfreundlich sind - und
real kinderfeindlich.
Frauen
beschränken sich häufig auf ihren (feministischen) Kampf gegen die
Männer - und klammern die zweite Unterklasse des Patriarchats, die
Kinder, aus ihren Überlegungen und Handlungen aus. Waren sie etwa keine
Kinder? Haben sie keine Kinder? Sie wissen doch um die alltägliche
Verbiegung der Körper, Geister, Seelen der Mädchen. Und sie fragen
zurecht, was aus solchen werden solle. Selbstbewußte, wehrhafte Frauen
bestimmt nicht, denn die passen nicht ins System. Aber die meisten
fragen noch immer nicht konsequent genug. Was man(n) als Menschenrecht
feiert, braucht noch lange kein Frauenrecht zu sein. Aber auch noch
kein Kinderrecht.
Leben
Kinder, frei geborene Wesen, die niemandem zu dienen, niemanden zu
befriedigen haben, nicht in der Erwachsenenwelt statt in ihrer eigenen?
Wie viele von ihnen werden, nach Art von Haustieren, herabgewürdigt,
dem Leben der Eltern Sinn zu geben, elterliche Bedürfnisse (seelisch,
körperlich) zu befriedigen, den Eltern Selbstwert und Bestätigung zu
vermitteln? Was unter uns Kind heißt, ist bereits bis ins Detail den
Erwartungen angeglichen, die andere Menschen von ihm haben. Infantismus
stellt sich die Aufgabe, diese Zustände und Entwicklungen
aufzuarbeiten, darzustellen und ihnen, auch durch
Öffentlichkeitsarbeit, zu begegnen.